Grüsse aus Tunis 1

Nachdem ich heute Mittag in Tunis angekommen, von meinem tunesischen Kollegen am Flughafen abgeholt und im Hotel untergebracht worden war, habe ich mich am Abend mit einer russischen Studentin getroffen, die für unser Forschungsprojekt über die bildliche Darstellung von Himmelskörpern und ähnlichen Dinge für einige Wochen arbeiten wird.


Ich konnte sie bisher nur virtuell. So war es schön und aufschlussreich, sie hier in Tunesien in Person zu treffen. Natürlich haben wir auch über den Krieg und dessen Folgen für ihre Familie gesprochen. Das ist eine der vielen kleinen Geschichten der Ausgrenzung und Bestrafung von Menschen aus Russland für den Krieg ihrer Regierung mit denen der Ukraine, der USA, Großbritanniens und der EU Staaten.


Seit Jahren gegen die Politik der russischen Regierung eingestellt, da ihre Mutter sowohl in ihrem Textilunternehmen immer wieder behindert worden ist als auch keine Freiräume für ihre politische Ablehnung des Kurses von Putin gehabt hat, sind sie nun in Europa durch die Sanktionen gegen Russland ausgegrenzt. Sie können ihr Geld nicht oder nur mit großen Schwierigkeiten transferieren. Die junge Frau muss nach Qatar fliegen, um nach Moskau zu gelangen, um Papiere für die Vorbereitung der Ausreise ihrer Familie aus Russland zu unterschreiben. Sie weiss nicht, ob und wenn ja, wann, sie Moskau wieder verlassen und nach Tunis zurückkehren kann. Ihre Mutter hat sich schweren Herzens entschieden, ihre Heimat zu verlassen. Sie weiss aber nicht, ob sie in Italien, wohin sie emigrieren will, bleiben darf und was mit dem Geld, das sie aus dem Verkauf ihres kleinen Unternehmens in Moskau erzielt hat, passieren wird.


Ich kann diese Sorgen gut verstehen, weil ich lange Zeit in ökonomischer Unsicherheit gelebt habe, die nun plötzlich als eine der vielen Kriegsfolgen zurückzukehren scheint.


Obwohl also diese russische Familie den Krieg weder gutheisst noch an ihm in irgendeiner Weise beteiligt ist, wird sie wie so viele andere in Sippenhaft genommen. Wie hohl ist doch die Versicherung der Politiker*innen, dass "wir nichts gegen die Menschen in Russland" haben!

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In wenigen Stunden verlasse ich Tunesien und kehre nach Hause zurück. Nach der Tagung bin ich mit Kollegen quer durch das Land auf der Suche nach punischen und römischen Himmelsdarstellungen gefahren.